Bei Viren ohne Nutzen

Die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen geht beim Einsatz von Antibiotika neue Wege und setzt auf mehr Transparenz und auf die Aufklärung der Eltern. „Es geht uns um einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika“, sagt Dr. Gerrit Lautner, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen.

„Viele Eltern glauben, dass ein Antibiotikum dem Kind mit einer akuten Mittelohrentzündung, fiebrigen Erkältung oder Grippe hilft, gesund zu werden. Bei Virusinfekten zeigt ein Antibiotika aber keine Wirkung“, sagt Oberarzt Dr. Thomas Wollbrink und ergänzt: „Auch im Krankenhaus ist es nur in ausgewählten Fällen notwendig, ein Kind mit Antibiotika zu behandeln. In der Regel schafft es das Immunsystem des kranken Kindes ganz allein, mit viralen Infektionen fertig zu werden. Das Kind wird durch ein Antibiotikum nicht schneller gesund. Und es leidet auch ohne Antibiotikum nicht mehr.“ Die Nebenwirkungen eines Antibiotikums werden oft unterschätzt: Hautausschläge, ein wunder Po und Durchfall sind für das Kind zusätzlich belastend. Bei leichten Infekten sind kindgerechte Schmerzmittel und bewährte Hausmittel, aber vor allem Ruhe und Zuwendung, eine wirkungsvolle Alternative.

In der Kinder- und Jugendklinik kommt nun ein Antibiotika-Pass zum Einsatz, den Anett Stiskal, Fachgesundheits- und Kinderkrankenpflegerin für Krankenhaushygiene, entwickelte: „Der Pass dokumentiert, welches Antibiotikum warum und in welchem Zeitraum eingesetzt wurde. Unerwünschte Nebenwirkungen werden ebenfalls eingetragen.“ Den Pass erhalten die Eltern bei der Entlassung ihres Kindes. Die Informationen helfen den Familien, aber auch dem niedergelassenen Kinderarzt, den Überblick über eingesetzte Antibiotika zu behalten.

In vielen südeuropäischen und arabischen Ländern sind Antibiotika frei verkäuflich – „und werden von den Patienten als ‚Allerweltsmedikament‘ wahrgenommen und konsumiert. Deshalb ist die Nachfrage danach auch hier von den Eltern groß. Es braucht dann Gespräche und Informationen“, sagt Dr. Lautner. In der Kinderklinik in Buer werden Antibiotika zurückhaltend und nach besonderer Abwägung eingesetzt. „Bei einer Mandelentzündung nutzen wir ein Punktesystem, das die Anzahl der Symptome beim kranken Kind bewertet. Erst dann kommt ein Bakterien-Schnelltest zum Einsatz, der die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum unterstützt“, erklärt Kinderarzt Wollbrink.

Werden Antibiotika zu häufig und unnötig eingenommen, besteht die Gefahr, dass sie keine Wirkung mehr zeigen, wenn sie wirklich notwendig sind. Die Zunahme von Antibiotikaresistenzen stellt eine der großen Herausforderungen der Medizin dar. Ärzte müssen auf Reserve-Antibiotika ausweichen, die eigentlich schweren Fällen vorbehalten sein sollten. „Mittlerweile gibt es auch schon Resistenzen gegen Reserve-Antibiotika. Eine Spirale, die sich nicht fortsetzen darf“, betont Dr. Gerrit Lautner.

Auch Anett Stiskal warnt: „Multiresistente Erreger sind die Folge einer übermäßigen Antibiotika-Medikation. Sie breiten sich zunehmend aus und stellen die Krankenhaushygiene und Infektionsprophylaxe vor immer höhere Anforderungen.“

Weitere Infos zum Thema haben Dr. Thomas Wollbrink (Tel. 369-78 80) und Anett Stiskal (Tel. 5902-7249).

Foto: Bergmannsheil

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