Der Fall (des) SC Hassel: „Notfalls Kreisliga“

Von Norbert Neubaum

Irgendwann im Laufe des Abends blickte Jörg Böving in die teils enttäuschten, teils erschrockenen Gesichter der Runde und fasste die ganze Situation der Fußball-Abteilung des SC Hassel in einem Satz zusammen: „Wenn wir ganz ehrlich sind, war die Blase Oberliga und Westfalenliga für uns schon seit ein paar Jahren zu groß!“

Also hat der amtierende Abteilungsvorstand um den Hasseler Fußball-Vorsitzenden Jörg Böving die Reißleine gezogen und die Oberliga-Mannschaft des Sport-Clubs noch während der Hinrunde vom Spielbetrieb abgemeldet. Den Hasselern hätte ansonsten zum Saisonende ein Minus von 45.000 Euro gedroht (wir berichteten).

37 stimmberechtigte Mitglieder der Fußball-Abteilung waren am Mittwochabend ins Vereinsheim am Lüttinghof gekommen, um zu erfahren, wie und in welcher Liga es für den Sport-Club denn nun weitergehen soll. Als feststehender Absteiger aus der Oberliga wäre die logische Lösung die Westfalenliga. Für Hassel keine Option, weil zu teuer. Als wahrscheinlichste Neustart-Liga galt danach die Landesliga. Doch selbst die wäre für den SC Hassel ein enormer finanzieller Kraftakt. Zu finanzieren wäre – wenn überhaupt – lediglich eine Mannschaft, die ein tristes Dasein im Tabellenkeller fristet. „Dann lieber fröhlich in der Bezirksliga spielen als in der Landesliga gegen den Abstieg“, riet ein langjähriges Hasseler Mitglied dem Abteilungsvorstand.

Tatsächlich geht der Trend nun zur Bezirksliga – dabei geht es auch um Perspektiven: „2019 haben wir unser 100-jähriges Vereinsjubiläum. Und da wäre es doch fatal, wenn wir um den Landesliga-Klassenerhalt zittern müssten und finanziell vielleicht in einer ähnlichen Situation wären wie jetzt“, mahnte Dr. Reinhard Ellebrecht, selbst lange Vorstandsmitglied. Es geht aber auch um Perspektiven für die Spieler selbst: „In eine Bezirksliga-Mannschaft könnten wir vielleicht sogar zwei oder drei Spieler aus der eigenen Jugend einbauen“, hofft Jörg Böving.

Ob Landesliga oder Bezirksliga: Für den SC Hassel ein trauriger Abstieg. Die Fußballer waren mit ihrer ersten Mannschaft lange das Aushängeschild des Clubs. 1973 stand der SCH sogar im Endspiel um die Deutsche Amateur-Meisterschaft, Ende der 80er-Jahren hatte sich der SC Hassel unter der Trainer-Legende Jürgen „Jüsch“ Kreuz bis in die Oberliga (damals die dritthöchste Liga) hochgearbeitet, war in Gelsenkirchen klar die zweite Fußball-Kraft hinter Schalke 04. Spiele vor weit mehr als 1000 Zuschauern waren die Regel. „In dieser Hinrunde waren es bei uns manchmal 60. Wenn es hoch kam, 90.. Dann war aber auch Feierabend“, bilanziert Jörg Böving.

Das macht der Hasseler Fußball-Abteilungsleiter ganz sachlich – er muss die Dinge so realistisch nehmen, wie sie nun mal sind. Vom großen Zuschauerschwund ist im Amateurfußball schließlich nicht nur der SC Hassel betroffen. Böving und sein Team haben indes noch mit diversen „Altlasten“ ihrer Vorgänger zu kämpfen, die das Handeln und Planen zusätzlich erschweren. Eine Gemengelage, die sogar Anlass zu „radikalen“ Lösungsansätzen gibt: „Notfalls müssen wir einen Neuanfang in der Kreisliga wagen“, spricht der langjährige frühere Hasseler Geschäftsführer Heinz Stork das Wort, das für die Hasseler „Erste“ eigentlich auf dem Index steht, klar und deutlich aus.

Wahrscheinlich wird es nun aber die Bezirksliga, bis sechs Wochen vor dem Saisonstart muss Klarheit herrschen. Böving und Co. wollen schneller Fakten schaffen, derzeit laufen Gespräche mit Trainer-Kandidaten. Gesucht wird ein gut vernetzter Coach. Denn aktuell steht der SC Hassel komplett ohne erste Mannschaft da. Billig wird der Neuaufbau, egal in welcher Liga, nicht. Denn, das weiß Böving mittlerweile: „Umsonst macht keiner was.“

Auch dieser Satz gehört ins Protokoll der Mitglieder-Versammlung. Wahrscheinlich nicht nur beim SC Hassel.

Weitere Infos:
- Bei der Mitgliederversammlung wurde der Abteilungsvorstand um Jörg Böving als Abteilungsleiter Fußball wiedergewählt. Harald Honke (vorher Geschäftsführer) ist nun sein Stellvertreter und tauscht den Posten mit dem neuen Geschäftsführer Tobias Diekmann. Kassiererin: Lydia Freynik-Gutzeit.
- Beim SC Hassel sind aktuell nur noch zwei Senioren-Mannschaften (3. Mannschaft, Damen) sowie die Alten Herren und acht Jugendmannschaften am Ball. Hoffnung auf neuen Zulauf macht der geplante Kunstrasenplatz.
- Insgesamt hat der SC Hassel in sieben Abteilungen ca. 1400 Mitglieder (Fußball: 340).  —nn

Foto: NBM

 

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