Kindlicher, fröhlicher, spontaner

Von Dirk Greisler

Hassel. Stoff-Marienkäfer Anton hatte seine Familie eingeladen. In die Städtische Tageseinrichtung für Kinder an der Gustavstraße. Natürlich auch alles Marienkäfer. Sie verbrachten dort zusammen eine schöne Zeit; doch dann kam der Winter. Und obwohl der diesmal nicht so kalt war, überlebte die Marienkäferfamilie Siebenpunkt die teilweise doch eisigen Temperaturen nicht. Gestern nun fand ihre Beerdigung statt – im Erinnerungsgarten der Kindertagesstätte in Hassel.

„Soll ich mein Kind mit zur Beerdigung nehmen?“ „Wie kann ich meinem Kind Trost geben, wenn ich mich selbst im Umgang mit dem Sterben so hilflos fühle?“ „Wie erzähle ich meinem Kind ehrlich, was nach dem Tod kommt? Stehen sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse und religiöse bzw. kulturell geprägte Bilder entgegen?“
In der Städtischen Tageseinrichtung fand vom 6. März bis gestern zum dritten Mal das Projekt „Kinder, Tod und Lebensfreude“ statt. Die Kulturpädagogin Birgit Mattern begleitete die 22 Vorschulkinder im Alter von fünf und sechs Jahren und deren Erzieherinnen beim Erforschen von Leben und Tod.

Die Teilnehmenden befassten sich im Zeitraum von vier Wochen intensiv mit den Themen Tod und Trauer. Dabei stand die kindgerechte Vermittlung des Themas im Mittelpunkt und das Erlernen von Ritualen. Während eines einführenden Informationsabends hatten auch die Eltern Gelegenheit, sich ausgiebig über das geplante Projekt zu unterrichten. Unsicherheiten im Umgang mit Tod und Trauer und mögliche Bedenken konnten thematisiert und weitestgehend ausgeräumt werden. Bei der Begehung des Friedhofes „Hassel-Oberfeldingen“ an einem sonnigen Frühjahrsmorgen lernten die Kinder in Begleitung von Andreas Mäsing, Geschäftsführer der Friedhofsgärtner Gelsenkirchen eG, und Yasin Dogru, Imam der Moschee „Am Freistuhl“, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den christlichen und islamischen Beerdigungsriten kennen. Das führte erst einmal zu ganz praktischen Fragen bei den Kindern: Wie tief ist denn so ein Grab? Was passiert mit den Toten unter der Erde?

 Im weiteren Verlauf sahen die Kinder die Verfilmung des Buches „Leb wohl, lieber Dachs“ von Susan Varley. Die Geschichte des alten Dachses, der stirbt als für ihn die Zeit gekommen ist, berührte sie sehr und gab ihnen Gelegenheit, über eigene Verluste zu reden und über die Bedeutung von Erinnerungen nachzudenken.
„Kinder müssen Raum haben, über dieses Thema zu sprechen. Und wir Erwachsenen können dabei lernen, kindlicher, fröhlicher und spontaner mit diesem Thema umzugehen“, bilanzierte Andreas Mäsing das Projekt sehr positiv.

Beim ersten Durchlauf im Jahre 2011 wurde auf dem Kindergartengelände ein kleiner Friedhof/Erinnerungsgarten für Insekten, Vögel und Kleintiere angelegt und gestaltet, auf dem mittlerweile unter anderem auch schon zwei Küken, eine Amsel, Hummeln, Spinnen und jede Menge andere Insekten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Es ist der Ort, wo die Kinder verstorbene Tiere begraben, sich erinnern, trauern und gegenseitig trösten können.
Gestern wurde nun die Marienkäferfamilie Siebenpunkt begraben, ein Ereignis mit Live-Musik, bei dem auch Streuselkuchen und das türkische Pendant Helva nicht fehlten. Gleichzeitig feierten die Kinder den Abschluss des Projektes und zeigten stolz ihre gestalteten Erinnerungsschachteln, in denen sie zukünftig schöne Erinnerungen sammeln werden.

Mögliche anfängliche Bedenken, ob Tod ein kindgerechtes Thema ist, und die Angst vor den neugierigen Fragen der Kinder machten im Laufe des Projektes bei den beteiligten Erwachsenen einer größeren Selbstverständlichkeit und Gelassenheit im Umgang mit „Tod und Trauer“ Platz. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es mehr Anlässe und Projekte dieser Art braucht, um Kindern Raum für ihre existenziellen Fragen zu geben und die Erkenntnis, dass Traurigkeit und der Schmerz über Verluste zum alltäglichen Leben gehören.

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