"Die Beflockungsmaschine ist schon einmal heißer gelaufen"

Von Frank Leszinski

Alexander Jobst hat schwierige Monate hinter und wohl auch noch vor sich. Schalkes Marketing-Vorstand des FC Schalke 04 leidet unter der unbefriedigenden sportlichen Entwicklung.

Können Sie zurzeit noch ruhig schlafen?
Die Antwort ist natürlich nein. Aufgrund der prekären Lage in der Tabelle und der Verantwortung, die ich trage, bereitet mir die aktuelle Situation spätestens seit Weihnachten auch einige schlaflose Nächte.

Sind Sie gegen Stimmungsschwankungen gefeit?
Nein. Fragen Sie mal meine Frau. Die Stimmung zu Hause hängt leider mit der Schalker Lage zusammen. Nach dem Gewinn der Vizemeisterschaft habe ich mit vielem gerechnet, aber nicht mit so einem Saisonverlauf. Es wäre töricht, wenn wir uns das Ganze schönreden würden. Die Familie und der Sport (Jobst ist begeisterter Triathlet, die Red.) helfen mir, auf andere Gedanken zu kommen. Aber ausblenden kann ich es nicht, dafür ist die Lage zu ernst.

Haben Sie es insgeheim schon einmal bedauert, auf Schalke Ihren Vertrag zweimal vorzeitig verlängert zu haben (der neue Vertrag läuft bis 2024, die Red.)?
Ganz und gar nicht. Ich habe mich ganz bewusst langfristig zu diesem Verein bekannt und weiß das Vertrauen des Aufsichtsrats sehr zu schätzen. Ich glaube an die Kraft dieses Klubs. Wir müssen jetzt alle gemeinsam diese Situation meistern. Ich bin niemand, der wegläuft. 

Viele Schalker bedauern die Entlassung von Trainer Domenico Tedesco. Wie haben Sie das empfunden?
Domenico war der siebte Trainer, seit ich für Schalke arbeite. Ich war und bin überzeugt, dass er ein sehr passender Mann für Königsblau war. Für meinen Verantwortungsbereich war er der perfekte Coach. Nicht nur wegen seiner Kompetenz, sondern auch wegen seiner Leidenschaft und wie er den Verein nach außen repräsentiert hat. Er hat charakterlich sehr gut zu Schalke 04 gepasst. Persönlich hat mich das sehr getroffen.

Aber?
In seinem zweiten Jahr als Schalke-Trainer sind so viele Dinge passiert, dass keine andere Wahl blieb, als getrennte Wege zu gehen. Wir haben uns vom Vizemeistertitel ein Stück weit blenden lassen, so dass strukturelle Probleme nicht angegangen wurden. Es mag hart klingen, aber jetzt ist es an der Zeit, nach vorn zu schauen. Doch ich wünsche mir sehr, dass ich noch einmal mit Domenico zusammenarbeiten kann. Denn ich bin sicher, dass er ein ganz großer Trainer wird. 

Schalke droht zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren, einen internationalen Wettbewerb zu verpassen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Was die reinen Zahlen betrifft, heißt das ein stückweit Stagnation. Nach sieben Jahren erfolgreichen Wachstums der Vermarktungserlöse wird es 2019 in der Prognose keine weitere Steigerung geben können. Was die Arbeit betrifft, bedeutet es, unsere Anstrengungen zu forcieren.

Können Sie das ein bisschen konkretisieren?
2018 hatten wir ein Rekordjahr mit Vermarktungserlösen von 96 Millionen Euro. Eine Steigerung zu 2017 von zehn Millionen Euro! 15 andere Bundesligisten sind weit dahinter. Diese Zahl von 96 Millionen Euro wird 2019 sehr, sehr schwer zu bestätigen sein. Eine nochmalige Steigerung auf diesem Niveau ist ohne internationales Geschäft so gut wie unmöglich. 

Mit welchen Vermarktungserlösen rechnen Sie 2019?
Es ist zu früh, hierzu eine valide Zahl zu nennen. Unsere Hauptaufgabe wird es sein, das Vertrauen unserer Sponsoren zurückzuzahlen. Ohne Teilnahme am internationalen Wettbewerb wird es auf Dauer nicht möglich sein, das Niveau bei der Vermarktung beizubehalten bzw. in dem Anspruch meines Teams weiter zu steigern. 

Was ist in dieser Phase bei Ihrer Arbeit besonders wichtig?
Der Gesprächsfaden mit unseren Partnern. Ich habe mit ihnen in den letzten Wochen und Monaten viele Gespräche geführt, denn sie wollen natürlich wissen, wie es auf Schalke weiter geht. Transparenz in der Aufarbeitung der Probleme und Prognosen für das Jahr 2020 sind enorm wichtig. Die Arbeitsintensität ist zugegeben sehr, sehr hoch. 

Ist es zurzeit eine der schwierigsten Phasen, seit Sie für Schalke arbeiten?
Die schwierigste. Momentan heißt es - salopp formuliert - den Laden zusammenzuhalten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, so dass wir unserer klaren Strategie wieder folgen können. Wir wollen auch in der Zukunft internationalen Ambitionen folgen, der Weg zurück in die Erfolgsspur ist das Wichtigste für diesen großen Verein.

Wie viel Geld geht Schalke durch die bisher enttäuschende Saison verloren?
Was die Vermarktung angeht, ist das eine Summe im höheren einstelligen Millionenbereich. Beim Sponsoring droht kein Einbruch, weil wir langfristige Verträge besitzen. Deutlich merken wir einen Rückgang beim Merchandising und Fan-Artikelverkauf. Das hängt einerseits mit der sportlichen Entwicklung zusammen und andererseits muss man ehrlich zugeben, dass in unserer Mannschaft die echten Identifikationsfiguren momentan fehlen. Die Beflockungsmaschine ist schon einmal heißer gelaufen. Das Positive: Es kann im Bereich Merchandising auch sehr schnell wieder erfolgreicher laufen. 

Und was die TV-Gelder betrifft?
Ohne Champions-League-Teilnahme sind das zwischen 50 und 60 Millionen Euro. 

Was bedeutet, die Konkurrenz zieht wieder davon.
Das ist das Ärgerliche. Wir haben den Abstand durch das Rekordjahr 2018 etwas verringert, aber nun wird er wieder etwas größer werden. Es gibt nichts Besseres als eine Champions-League-Teilnahme in der Internationalisierung. Doch wenn sie 0:7 in Manchester verlieren, können Sie sich vorstellen, wie die Nacht für alle Schalker dort war. Die ganze Welt hat zugeschaut. Das tut richtig weh. 

Schalke ist auf den internationalen Wettbewerb ausgerichtet.
Die Vereinsstruktur bringt das mit sich. Legt man einen Zeitraum von fünf Jahren zugrunde, sollten wir drei bis viermal international vertreten sein. 

Das bedeutet: Die nächste Saison ist für Schalke unheimlich wichtig.
Natürlich, wir müssen aber auch realistisch sein: Es wird vornehmlich darum gehen, dass wir uns in der kommenden Saison stabilisieren und Schalke wieder für Leidenschaft steht mit der sich unsere Fans identifizieren können. Unsere Mannschaft hat bereits ab kommenden Sonntag die Möglichkeit, die letzten 8 Spieltage und im Pokalviertelfinale gegen Werder Bremen diese Richtung einzuschlagen. 

Gelten die Sponsorenverträge auch für die 2. Liga?
Ja. Unsere großen Partner haben einige Klauseln mit Abschlagszahlungen in ihren Verträgen. Es braucht niemand zu glauben, dass wir totalen Schiffbruch erleiden. Fakt ist jedoch, dass wir in einem „worst case“ Abstieg in der Vermarktung gravierende Einbußen einplanen müssten. Doch selbst dann würden wir in der im Vergleich in der 1. Bundesliga bei der Vermarktung immer noch zwischen Rang acht und zehn liegen. 

Drohen nach der sich abzeichnenden schwachen Saison personelle Konsequenzen im Mitarbeiterstab auf der Geschäftsstelle?
Nein. Wir gehen von unserem Anspruch nicht ab, dass Schalke 04 auch in Zukunft ein großer Klub sein wird und sind dementsprechend organisatorisch sehr gut aufgestellt. Der Grund für die sportliche Situation liegt sicher nicht in einer nachlassenden Intensität und Produktivität unserer Mitarbeiter in der Geschäftsstelle. 

Das Betriebsklima scheint jedoch nicht nur wegen der sportlichen Leistungen etwas getrübt. Auf Schalke wird es bald erstmals einen Betriebsrat geben.
Schalke ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Die Folge sind unterschiedliche Interessenslagen in Führungsstil und inhaltlicher Sichtweisen. Ein konstruktiver Betriebsrat im Sinne der Vereinsinteressen als Mitarbeitervertretung bietet für die Zukunft auch eine Chance zur weiteren Optimierung unseres Betriebsklimas. 

Befürworten Sie einen Betriebsrat?
Ich sehe es als demokratischen Prozess. Wichtig ist für meine Vorstandskollegen und mich, dass der Betriebsrat mit der Führungsebene des Klubs konstruktiv zusammenarbeitet. Die sportliche Leitung sollte davon unberührt bleiben, denn es müssen im Profifußball schnelle Entscheidungen getroffen werden.

Eine wesentliche Säule Ihrer Arbeit ist die Internationalisierung. Macht sich Schalke im Rahmen der Sommervorbereitung wieder auf den Weg nach China?
Wir führen aktuell Gespräche. Es ist noch nicht entschieden. Ich glaube, es ist wichtig, diesen Weg weiter zu gehen.

Eine zweite Säule Ihrer Arbeit ist die Digitalisierung.
Ich nenne Ihnen einmal zwei interessante Zahlen. Durch unsere umfangreichen Social Media Aktivitäten ist unsere Nutzer-Zahl in der Vizemeistersaison von 6 auf 11 Millionen interaktive Fans gestiegen. In dieser Saison haben wir die Zahl zwar weiter auf knapp 13 Millionen gesteigert. Daran lässt sich aber unschwer ablesen, welchen Multiplikator Effekt der sportliche Erfolg auch in diesem Bereich hat. 

Am 5. Mai gibt es eine Premiere: Das Heimspiel gegen den FC Augsburg findet am Sonntag um 13.30 Uhr statt. Rechnen Sie mit Protesten?
Von mir werden Sie jetzt keine Äußerung zu den Anstoßzeiten der Bundesliga hören. Die DFL hat laufende Verträge mit ihren Medienpartnern und fungiert mit dem klaren Votum aller Bundesligisten. Diese gilt es nicht nur einzuhalten sondern auch loyal zu vertreten. Wir treffen auf einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Veltins-Arena voll sein wird.

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