Eurofighter-Serie Teil 2: Der Manager

Am 21. Mai jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem Schalke den UEFA-Cup holte. In einer dreiteiligen Serie erinnern wir an die legendären "Eurofighter". Teil 1 lesen Sie hier.

Ein persönlicher Rückblick von Norbert Neubaum

Günter Eichberg stand unter Druck. Nicht zuletzt durch einen Bericht im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“  war er geschäftlich angezählt, auch auf Schalke kam der S04-Präsident immer mehr in die Bredouille. Ein Manager musste her. Und Eichberg hatte seine vielleicht beste Idee als Schalke-Boss: Er holte Rudi Assauer zu den Königsblauen zurück. Damals eine höchst umstrittene Personalie.

Denn Assauer hatte auf Schalke seit seiner ersten Amtszeit von 1981 bis 1986 nicht mehr besonders viele Fans – zahlreiche Schalker Anhänger liefen daher zunächst einmal Sturm, als Assauer zum 1. April 1993 wieder nach Schalke zurückkehrte. Immer noch verfolgt von seinem legendären Ausspruch: „Entweder schaffe ich Schalke – oder Schalke schafft mich.“

Schalke hatte ihn einmal geschafft und geschasst, nun wollte der ehrgeizige Assauer den Spieß umdrehen und Schalke schaffen. Er schaffte es, und zwar mit Bravour. Zwischen 1993 und 2006, als Assauer zum Rücktritt quasi gezwungen wurde, erlebte der Verein eine in diesem Zeitfenster in der Club-Geschichte bislang einmaligen und unvergleichlichen Aufschwung.

Assauer war gleich gefordert, als Eichberg ihn eingestellt hatte. Der Präsident zog sich urplötzlich in die USA zurück, Schalke drohte der Lizenzentzug. Assauer gelang der Schulterschluss mit dem DFB, krempelte den Verein gleichzeitig radikal um. Immer mit der Vision, Schalke wieder zu einem Spitzenclub mindestens auf nationaler Ebene zu machen.

Besonders auffällig an Assauers Arbeit: Sein Mut zu unpopulären Entscheidungen, die sich im Nachhinein aber als Volltreffer erwiesen. Im Oktober 1996 servierte er den bei den Fans extrem beliebten Trainer Jörg Berger ab, der Schalke 1993 vor dem Klassenerhalt gerettet und 1996 nach 19-jähriger Abstinenz wieder in den Europapokal geführt hatte. Als Nachfolger verpflichtete Assauer mit Huub Stevens einen in Deutschland bis dahin nahezu unbekannten Trainer. Mit Stevens holte Schalke 1997 den UEFA-Cup, war 2001 schon so gut wie Deutscher Meister und gewann zwei Mal den DFB-Pokal (2001, 2002). Schalkes Fans wählten Stevens zum Jahrhundert-Trainer.

1996 verpflichtete Assauer mit Marc Wilmots einen international begehrten Spieler – dass er damals nach Schalke kam, war keine Selbstverständlichkeit. Peter Peters, der heutige Schalker Finanzvorstand, den Assauer direkt nach seinem Amtsantritt als Geschäftsführer nach Schalke geholt hatte, erinnert sich: „Für Marc Wilmots haben wir uns für unsere damaligen Verhältnisse finanziell weit aus dem Fenster gelehnt. Aber wir wussten, was wir tun. Assauer war von Wilmots absolut überzeugt.“ Wilmots war einer der Protagonisten beim Schalker UEFA-Cup-Sieg 1997.

Vor der Saison 2000/01 ließ sich Rudi Assauer auch von wütendsten Fan-Protesten nicht davon abhalten, Andreas Möller zu verpflichten. Ausgerechnet Möller – als ehemaliger BVB-Spieler geradezu ein königsblaues „Feindbild“. Doch auch diese Rechnung ging auf: Vor allem in seiner ersten Saison spielte Möller ganz groß auf, führte Schalke zur Vize-Meisterschaft und zum Pokalsieg.

Assauer dachte immer auch schon einen Schritt weiter. Direkt nach dem UEFA-Cup-Sieg erzählte er auf dem Rückflug von Mailand: „Morgen mache ich ein Schild an mein Büro: ,Sprechzeiten für Spieler nur noch von acht bis neun Uhr morgens!‘“ Auf den Hinweis, dann würde doch keiner kommen, erwiderte er: „Das ist ja der Plan. Denn ab morgen kümmere ich mich nur noch um den Arena-Bau!“ Gut vier Jahre später, im August 2001, wurde die Veltins-Arena eröffnet. Ein Meilenstein in der Schalker Geschichte, für den Assauer zwar nicht alleine verantwortlich war, den er aber wie ein Motor unermüdlich angetrieben hatte.

Assauer war längst auf dem Höhepunkt seiner Macht und zu einer viel beachteten Person des öffentlichen Lebens geworden. Durch die Beziehung mit der Schauspielerin Simone Thomalla umwehte den prinzipiell bodenständigen und hemdsärmeligen Rudi Assauer nun die Aura der Show-Branche, fast parallel dazu hatte ihn nach dem Weggang von Huub Stevens im Sommer 2002 zumindest bei seinen Trainer-Verpflichtungen aber das Glück verlassen. Frank Neubarth, Marc Wilmots und Jupp Heynckes scheiterten aus den unterschiedlichsten Gründen, für die Verpflichtung von Heynckes-Nachfolger Ralf Rangnick war im Prinzip schon Andreas Müller verantwortlich, den Assauer zu seinem Nachfolger aufgebaut hatte.

Wer viel Macht hat und diese auch verteidigen will, macht sich nicht nur Freunde. Die Gründe für Assauers Aus auf Schalke im Mai 2006 sind daher vielschichtig. Der Aufsichtsrat hatte sich in einer nächtlichen Sitzung zur Abberufung Assauers entschieden, der er mit seinem Rücktritt zuvor kam. Rudi Assauer hatte sich vorher entgegen der Absprachen geweigert, vom Manager auf den Präsidenten-Stuhl zu wechseln. Als über ihn abgestimmt wurde, hielt sich der Widerstand auch einstiger Befürworter in Grenzen. Es soll damals aber auch schon erste Anzeichen für Rudi Assauers erst Jahre später bekannt gewordene Alzheimer-Erkrankung gegeben haben.

Als Rudi Assauer am Abend des 23. März 2017 in der Veltins-Arena Ehrengast bei der Veranstaltung: „90 Minuten: Ein Abend unter Schalkern“ mit Huub Stevens in der Hauptrolle war, sahen die Besucher einen von seiner Krankheit schwer gezeichneten 72-jährigen Mann. Aber es war trotzdem schön, dass er da war. An diesem Abend. Und auf Schalke sowieso. Denn Rudi Assauer hat in seiner zweiten Amtszeit eine Ära geprägt wie noch kein anderer Schalker Manager.

Foto: NBM (Archiv)

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