Eurofighter-Serie Teil 1: Der Trainer

Am 21. Mai jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem Schalke den UEFA-Cup holte. In einer dreiteiligen Serie erinnern wir an die legendären "Eurofighter".

Ein persönlicher Rückblick von Norbert Neubaum

Rudi Assauer war immer für eine Überraschung gut. Der größte Coup des legendären Schalke-Managers war vielleicht der, den er im Oktober 1996 landete...

UEFA-Cup-Runde zwei war erreicht, nach dem Schalker 3:0-Hinspielsieg bestand ohnehin kaum noch ein Zweifel daran. Das 2:2 im Rückspiel bei Roda Kerkrade wäre also nicht weiter erwähnenswert gewesen, hätte nicht der gegnerische Trainer die Sache noch so ausgesprochen ernst genommen. Als ein Journalist in der Pressekonferenz nach dem Spiel eine offenbar kritische Nachfrage stellte, blaffte ihn besagter Trainer entrüstet auf Niederländisch an: „Hast Du Kroketten in den Ohren?“

Das war auch für deutsche Journalisten gut zu verstehen, und noch beschwingt vom Schalker Weiterkommen dachte man sich heimlich, still und leise: „Gut, dass wir auf Schalke mit so einem Typen nichts zu tun haben...“

Das war am 24. September 1996. Am 8. Oktober 1996 wurde Hubertus Jozef Margaretha Stevens, so der Name des Kerkrader Trainers als neuer Schalke-Coach verpflichtet. Und blieb sechs Jahre lang.

Sechs intensive Jahre, sechs spannende Jahre, auch sehr lehrreiche Jahre. Unterm Strich, und gerade im Rückblick zählt nur das: Sechs erfolgreiche Jahre. Sechs prägende Jahre - für alle Beteiligten, auch für Schalke selbst.

Rudi Assauer hatte hoch gepokert. Den vor allem bei den Fans beliebten Jörg Berger hatte er entlassen, obwohl der Schalke vor dem Abstieg gerettet und nach 19 Jahren erstmals wieder in den Europapokal geführt hatte. Und Huub Stevens war damals in Deutschland ein No-Name-Trainer.

Was den großen Unbekannten aber nicht dazu verführte, sich anzubiedern, um sich damit Popularität oder gar Beliebtheit zu erwerben. Im Gegenteil: Gerade Journalisten gegenüber blieb Stevens seiner Linie treu, machte relativ schnell klar, dass er diesen Berufsstand nicht unbedingt zu den größten Geschenken der Menschheitsgeschichte hielt. Und nichts trifft so manchen Journalisten härter als diese Einschätzung...

Also gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Stevens recht schwierig, schnell hatte er seinen Spitznamen „Der Knurrer aus Kerkrade“ weg. Für Angehörige der schreibenden Zunft besonders irritierend: Wenn die TV-Kameras eingeschaltet waren, knipste dieser Huub Stevens oft sein charmantestes Lächeln an, so dass viele Fernseh-Schaffenden ihre Print-Kollegen zu belehren wussten: „Mensch, der ist doch ganz nett...“

Wie auch immer: Irgendwann hatte man sich auch als Journalist an die Steven’schen Eigenarten gewöhnt und schnell gelernt, dass das Verhältnis eines Trainers zu Journalisten keine Rolle spielen darf bei der Bewertung seiner Arbeit. Mit dieser Arbeit beeindruckte Stevens – und bestätigte Rudi Assauer in dessen Urteil. Zwischen dem Schalker Manager und Stevens passte lange kein Blatt Papier. Assauer/Stevens war ein Traum-Duo, wie es auf Schalke wohl vorher und ganz sicher danach keines mehr gab.

Dabei war Stevens auf Schalke durchaus nicht immer unumstritten: Seine Bundesliga-Bilanz war abseits seiner UEFA-Cup-und Pokaltriumphe nämlich durchaus diskutabel, und mitunter rumorte es im Aufsichtsrat so laut, dass auch Stevens in die Kritik geriet. Diese Kritik schüttelte Assauer aber wie ein lästiges Insekt ab – der Manager soll hin und wieder sogar mit Rücktritt gedroht haben, falls es Stevens an den sportlichen Kragen gehen sollte.

Stevens holte mit Schalke 1997 sensationell den UEFA-Cup, wurde zwei Mal Pokalsieger (2001, 2002) und führte Schalke zur unvergesslichen 4:38-Minuten-Meisterschaft 2001. Ein Trainer, der als Realist und Pragmatiker imponierte: Er fand sich immer mit dem Kader ab, den er hatte, sprach nie über verletzte Spieler, sondern nur über die, die spielen konnten. Sein taktisches Meisterstück lieferte er 1997 nach dem Ausfall von Mulder und Max. Dass ihm sein damals aus reinem Realitätssinn gesagter Satz „Die Null muss stehen“ noch heute als Taktik-Credo ausgelegt wird, wird seiner Arbeit nicht gerecht. Stevens ließ seine Mannschaften so spielen, wie es das Personal hergab. 2001 spielte Schalke u. a. mit Möller, Böhme, Sand, Mpenza und Asamoah einen begeisternden Offensiv-Fußball, auch dem Künstler Raul ließ Stevens in seiner zweiten Schalker Amtszeit seine Freiheiten.

In der hatte sich dann alles entspannt, fast „normalisiert“. Stevens, den die S04-Fans zum „Jahrhundert-Trainer“ gekürt haben, hatte diverse andere Clubs kennengelernt, die Schalker Journalisten viele andere Trainer. Und zwischendurch sogar wieder Appetit auf Kroketten bekommen...

Foto: NBM

« Vorherige Seite

Kommentare

Um Kommentare zu schreiben, bitte einloggen oder bei www.buer-total.de anmelden.