"Ich bin ein Fußball-Romantiker mit Realitätssinn"

Von Frank Leszinski

Die Banner und Spruchbänder, die vor dem Anpfiff der Bundesligapartie zwischen Schalke 04 und dem VfB Stuttgart in der Nordkurve aufgehängt waren, ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Im Mittelpunkt der Kritik: Schalke-Manager Christian Heidel.

Die Vorwürfe reichten von „Identitätsverlust stoppen, Knappenschmiede stärken, die Wurzeln achten und nicht vernichten!“ bis zu „Vom Autohändler zum Identifikationsschänder!“, die auf Heidels berufliche Vergangenheit anspielten und den Wechsel von Weltmeister Benedikt Höwedes zu Juventus Turin anprangerten.

Am Montag nahm der 54-Jährige im Gespräch mit Buer-Total Stellung zu der massiven Kritik an seiner Arbeit. „Das trifft mich. Aber jeder, der mich etwas besser kennt, weiß, wie wichtig mir Werte im Fußball sind“, beteuerte Heidel. Er könne nachvollziehen, wenn manche Fans sauer über den Wechsel von Benedikt Höwedes seien. Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, Schalke wolle den Weltmeister unbedingt loswerden, täte ihm das leid, aber das entspreche nicht der Wahrheit.

Heidel: „Jeder Fan hat das Recht, Kritik zu üben. Ich bin niemandem böse, sondern immer bereit, mich mit unseren Anhängern zu treffen und auszutauschen.“ Dass Schalke zurzeit über weniger Identifikationsfiguren verfüge als früher, räumt der Sportvorstand ein. „Aber das hängt damit zusammen, dass sich der Fußball radikal verändert hat. Es gibt kaum noch Fußballer, die zehn Jahre in einem Klub spielen. Ich bin und bleibe ein Fußball-Romantiker, aber mittlerweile mit Realitätssinn“, betonte Heidel.

Es habe zum Beispiel keine realistische Chance bestanden, Sead Kolasinac zu halten. Bei den Summen, die für Kolasinac geboten wurden, sei das aus finanzieller Sicht nicht zu verantworten gewesen. Für Schalke gehe es darum, die Talente aus der Knappenschmiede noch besser zu fördern. Weston McKennie sei zum Beispiel auf einem sehr guten Weg. Heidel stuft ihn als „Rohdiamanten“ ein.

Ob die Kritik an seiner Arbeit eine Mehrheitsmeinung darstellt oder nur von Teilen der Anhänger unterstützt wird, lässt sich bei einem so großen und emotionalen Verein wie Schalke schwer beurteilen. Für Heidel war es gleichwohl eine neue Erfahrung. Allerdings sorgte der Schalker Erfolg nach dem Schlusspfiff sofort dafür, dass die Mannschaft - in der Halbzeitpause noch ausgepfiffen - nun gefeiert wurde.

Domenico Tedesco war jedoch weit davon entfernt, nach dem zweiten Sieg im dritten Bundesligaspiel in Euphorie zu verfallen. „Wir wissen, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben“, sagte der Schalker Trainer, der am trainingsfreien Dienstag seinen 32. Geburtstag feiert.

Womöglich erhält sein kleiner Kader mit 19 Feldspielern und drei Torhütern noch überraschend Zuwachs. Denn Sascha Riether, dessen am Saisonende auslaufender Vertrag nicht verlängert worden war, hält sich in dieser Woche auf Schalke fit. Als vertragsloser Spieler dürfte er unabhängig vom Transferfenster noch verpflichtet werden.

Zerschlagen haben sich dagegen die Wechselpläne von Donis Avdijaj. Der von Tedesco aussortierte Jung-Profi wird bis auf weiteres in der Schalker U 23 trainieren.

Foto: NBM

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