"Mit Haut und Haaren"

Von Frank Leszinski

Zum Rückrundenauftakt erwartet den FC Schalke 04 bei RB Leipzig gleich eine knifflige Aufgabe. Schalke-Manager Christian Heidel verrät im Interview mit Buer total, welche Erwartungen er für die zweite Saisonhälfte hat, wie er Erfolg definiert und welche Rolle Trainer Domenico Tedesco dabei spielt

Müssen Sie sich manchmal noch kneifen, wenn Sie auf die Bundesligatabelle schauen, wo Schalke nach der Hinrunde auf Platz zwei steht?
Christian Heidel: Ich habe in den vielen Jahren als Bundesliga-Manager gelernt: Nach einem Tief kommt ein Hoch und umgekehrt. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die beim aktuellen Blick auf die Tabelle in grenzenlose Euphorie verfallen. Es werden auch wieder Zeiten kommen, wo Diskussionen aufkommen. Aber es ist klar, dass ich jetzt lieber die Tabelle anschaue als im vergangenen Winter.

Schalke macht zurzeit auf allen Ebenen einen geschlossenen Eindruck. Hängt das nur mit dem aktuellen Erfolg zusammen, oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle?
Heidel: Ich fand schon im letzten Jahr, dass der Verein in einer schwierigen Zeit gut zusammengehalten hat. Damals hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass der Verein am eingeschlagenen Kurs zweifelt.

Hatten Sie mit mehr Gegenwind gerechnet?
Heidel: Ich kannte Schalke noch nicht so gut und wusste nicht, was mich erwartet. Jetzt ist der Zusammenhalt noch größer geworden, weil man merkt, dass die Dinge greifen. Man muss zwischen einer Außen- und Innenansicht unterscheiden.

Inwiefern?
Heidel: Beim Blick von außen zählt für die meisten Betrachter nur der Tabellenstand. Bei den Mitarbeitern des Vereins ist jedoch auch sehr wichtig, ob der Verein sich in die richtige Richtung bewegt. Jetzt glaube ich, dass der gesamte Klub merkt, dass man auf dem richtigen Weg ist, ohne das Gefühl zu haben, dass wir morgen Deutscher Meister werden.

Also mehr Realismus, um für die Zukunft besser aufgestellt zu sein?
Heidel: Und vor allem transparentes Arbeiten. Veränderungen muss man klar ansprechen und erläutern. Warum steht dort ein Bagger, was passiert an der und der Stelle des Vereinsgeländes? Ein Bagger ist ein Zeichen für Entwicklung. Die Menschen merken: Hier passiert etwas.

Was hat Sie in der Hinrunde am meisten gefreut?
Heidel: Dass sich die Mannschaft so gut entwickelt hat. Seit Domenico Tedesco hier arbeitet, gibt es einen klaren Plan und eine klare Struktur. Und das allerwichtigste ist: Das spüren auch die Spieler. Mir macht das viel Freude, wenn ich sehe, wie im Training gearbeitet wird und wie die Mannschaftssitzungen ablaufen.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie jetzt in die Rückrunde?
Heidel: Dass wir am 34. Spieltag sagen können, eine Entwicklung hat auch im ersten Halbjahr 2018 stattgefunden. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass wir mehr Punkte holen als in der Hinrunde. Aber wir müssen das Gefühl haben, auf dem richtigen Weg zu sein für die Saison 2018/19.

Also nicht nur kurzfristigen Erfolg anstreben?
Heidel: Natürlich ist es wichtig, dass wir am Saisonende so gut wie möglich platziert sind. Das ist doch ganz klar, aber Entwicklung darf nicht am 34. Spieltag 2018 zu Ende sein.

Sind Sie nach über 25 Jahren als Bundesliga-Manager eigentlich noch angespannt vor dem Rückrundenstart?
Heidel: Wenn ich vor und während einem Bundesligaspiel nicht mehr nervös bin, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich in Rente gehe. Aber von diesem Zustand bin ich noch ganz weit entfernt.

In dieser Saison ist die Winterpause wegen der Weltmeisterschaft in Russland extrem kurz. Muss das die Ausnahme bleiben, um die Spieler nicht zu überfordern?
Heidel: In diesem Jahr kann man wegen der WM kaum von einer Pause sprechen. Trainings- und Belastungssteuerung ist da extrem wichtig. Es ist schon schade, wenn die Spieler an Silvester und Neujahr im Flugzeug sitzen und nicht bei Ihren Familien sein können.

Domenico Tedesco ist der Trainer-Aufsteiger des Jahres. Machen Sie sich Sorgen, dass bald attraktive Angebote für Ihn auf den Tisch kommen?
Heidel: Ich habe in dieser Hinsicht überhaupt keine Bedenken, weil ich eins bei diesem Trainer spüre: Er hat sich mit Haut und Haaren dieser Aufgabe verschrieben. Domenico genießt die Emotionalität dieses Klubs. Jeder Interessent kann sich einen Anruf bei mir sparen.

In Leipzig erwartet Schalke zum Rückrundenstart eine schwere Aufgabe. Welche Bedeutung hat diese Partie?
Heidel: Es ist nur ein Spiel von 17 noch ausstehenden Partien. Wir fahren da nicht hin mit einem überheblichen oder arroganten Gefühl. Es wird eine Begegnung auf Augenhöhe.

Der FC Liverpool will RB-Leistungsträger Naby Keita noch in der Winterpause verpflichten. Wären Sie dafür?
Heidel: Ich werde Kloppo (Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, die Redaktion) gleich anrufen und ihm sagen, dass er schnell nach Leipzig fahren und ihn abholen soll. (lächelnd)

Mit dem DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Wolfsburg hat Schalke noch ein zweites heißes Eisen im Feuer. Wie bewerten Sie die Ausgangsposition?
Heidel: Wir haben gesät, jetzt wollen wir auch ernten. Ich weiß, dass jeder Schalke-Fan vom Finale in Berlin träumt. Aber das machen die Anhänger der anderen Viertelfinalisten auch. Gegen Wolfsburg wird es eine knifflige Aufgabe. Aber wir haben ein Heimspiel. Wenn wir alle zusammenstehen, haben wir eine gute Chance, das Halbfinale zu erreichen. Dann würde nur noch ein Sieg bis Berlin fehlen.

Wie ist es gelungen, Mark Uth zu verpflichten, zumal nicht feststeht, ob Schalke sich für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren kann?
Heidel: Punkt eins: Die Stahlkraft von Schalke 04 ist ungebrochen. Punkt zwei: Wir erklären dem Spieler genau, was wir wollen, wohin wir wollen. Punkt drei: Ich kann den Spielern nicht nur sagen, sondern auch belegen: Du bekommst einen Trainer, der Dich besser macht, egal ob Du 18 oder 35 bist.

Foto: NBM

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