"Wir denken anders"

Von Frank Leszinski

Nach einer tollen Saison hat Christian Heidel schnell der Alltag eingeholt. Denn für den Sportvorstand des FC Schalke 04 gibt es viel zu tun. Welche Herausforderungen auf die Königsblauen warten und wie der Kader noch verändern werden soll, verrät der 54-Jährige im Interview mit Buer total.

Am vergangenen Samstag ist der gesamte Schalker Vorstand einmal zusammengezuckt, als Clemens Tönnies vom Schalker Angriff auf die Bundesliga-Spitze sprach. Warum?
Christian Heidel: (lächelnd) Zusammenzucken musste da niemand, denn wir kennen doch alle Clemens und schätzen seine emotionale Art sehr. Und es ist doch nicht verboten, ein bisschen zu träumen. Wenn wir uns besprechen, ist er komplett anders, sehr realistisch. Es muss niemand Angst haben, dass wir die Bodenhaftung verlieren. Wir sind uns unserer Rolle, unserer Bedeutung und unserer Möglichkeiten völlig bewusst.

Ist die Konstellation in der Bundesliga aber nicht für Schalke momentan günstig, etwas forscher aufzutreten? Bei den Bayern muss man abwarten, wie der neue Trainer Niko Kovac einschlägt, und Borussia Dortmund hat noch nicht mal einen. Ganz zu schweigen von den offensichtlichen Problemen im Kader.
Heidel: Aber deshalb müssen wir nach außen nicht forscher auftreten. Wir sind sehr, sehr gut mit einer gewissen Bescheidenheit gefahren und wollen das beibehalten. Unser Ziel heißt: Wir wollen uns immer verbessern. Diese Aussage bezieht sich jedoch nicht auf die Platzierung, wenn man gerade Zweiter geworden ist, sondern in erster Linie auf unser Spiel und die Leistungen auf dem Platz. Was in München, Dortmund oder Leverkusen passiert, darauf haben wir keinen Einfluss.

Mehr als die Vizemeisterschaft kann Schalke also nicht erreichen? Was bedeutet das grundsätzlich für die Bundesliga, wenn Bayern immer oben steht?
Heidel: Wir müssen den Realitäten ins Auge blicken. Die Bayern werden mit einem Etat von rund 600 Millionen Euro in die neue Saison gehen. Schalke liegt bei weitaus weniger als der Hälfte. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Bayern sind ganz andere als beim Rest der Liga. Bayern wird immer kontern können. Wenn die Münchner keine Fehler machen, werden sie auch in den nächsten Jahren oben bleiben. Dieser Satz steht, daran gibt es nichts zu rütteln.

In anderen europäischen Ligen...
Heidel: ...ist es größtenteils genauso. Wer soll in Frankreich an Paris Saint-Germain rütteln? In Spanien machen meistens Real Madrid und der FC Barcelona die Meisterschaft unter sich aus. Und in England? Ich prophezeie, solange Pep Guardiola bei Manchester City das Sagen hat, wird es sehr schwierig für andere Klubs, in den Titelkampf einzugreifen.

Aber tut es der Bundesliga gut, wenn der Meister quasi schon vor dem ersten Spieltag so gut wie feststeht?
Heidel: In der absoluten Spitze ist die Bundesliga in den vergangenen Jahren nicht mehr so dramatisch gewesen. Trotzdem macht es für mich riesigen Spaß, sich auf seinen eigenen Klub zu konzentrieren und zu versuchen, besser zu werden und den Abstand zu verkürzen.

Fühlen Sie sich in Ihrer Personalpolitik bestätigt? Die Mannschaft, die Vizemeister wurde, besteht zum größten Teil aus Spielern, die schon im vergangenen Jahr für Schalke spielten.
Heidel: Ich wusste, dass trotz Platz zehn in der vergangenen Saison nicht alles schlecht war. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich die Konstellation in meinem ersten Jahr auf Schalke schon schwierig war. Neuer Manager holt neuen Trainer für eine neue Mannschaft in einem neuen Verein. Es stellte sich dann heraus, dass es so einfach nicht passte. Das heißt aber keineswegs, dass Markus Weinzierl ein schlechter Trainer ist.

Mit welchen Vorstellungen sind Sie überhaupt nach Schalke gekommen?
Heidel: Ich definiere meine Arbeit nicht so, dass ich nur für die Mannschaft und das Sportliche verantwortlich bin. Wenn mein Aufgabenbereich nur darin bestehen würde, wäre ich nicht aus Mainz weggegangen.

Sondern?
Heidel: Es ging zum Beispiel auch darum, in diesem Verein mit seiner unglaublich großen Kraft für ein anderes Stimmungsbild zu sorgen. Damit meine ich, um einen Vergleich zu bemühen: Hier ist der Rückspiegel viel größer als die Windschutzscheibe.

Das bedeutet?
Heidel: Auf Schalke wurde zu oft zurück, aber zu wenig nach vorn geschaut. Als ich zum Beispiel hier die Infrastruktur das erste Mal gesehen habe, war ich leicht schockiert. Deshalb ist es ein wichtiges Ziel von uns, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Das setzen wir aktuell um und sind auf einem guten Weg. Aus dieser Aufbruchstimmung ist mittlerweile sogar ein bisschen Euphorie geworden.

Wozu auch Trainer Domenico Tedesco mit seiner Arbeit beigetragen hat.
Heidel: Ohne Wenn und Aber! Ich habe seine Verpflichtung nicht als so großes Risiko empfunden, weil ich mir nach den vielen Gesprächen schon sehr sicher war. Kritiker werden vermutlich einwenden, das kann der Heidel jetzt locker behaupten nach dieser starken Saison, aber es war wirklich so.

Wie geht es jetzt weiter mit dem zusätzlichen Wettbewerb Champions League?
Heidel: Was mich ein bisschen stört: Jetzt werden schon wieder die ersten Negativszenarien an die Wand gemalt, nach dem Motto: Ist Schalke mit diesem Kader in der Königsklasse nicht chancenlos? Wir denken anders, wir haben uns nach einer tollen Saison mit der Qualifikation für diesen Wettbewerb belohnt. Damit sind wir den ursprünglichen Planungen um ein Jahr voraus. Intern war das Ziel, die Rückkehr nach Europa zu schaffen. Dass es so gut laufen würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Deshalb freuen wir uns riesig. Und haben auch noch einen weiteren Vorteil.

Welchen?
Heidel: Wir konnten sehr früh in die Personalplanungen einsteigen, der Trainer wird der- selbe sein und wir wissen, welche Art Fußball wir spielen wollen. Jetzt hat Domenico Tedesco erstmals die Möglichkeit, auf die Zusammenstellung der Mannschaft nachhaltig einzuwirken.

Drei Neuzugänge sind schon da. Wie viele kommen noch hinzu?
Heidel: Wir werden nach den Abgängen von Max Meyer und Leon Goretzka noch etwas im zentralen Mittelfeld machen. Außerdem denken wir über einen Offensivspieler nach. Ob noch mehr Neuzugänge verpflichtet werden, hängt davon ab, ob uns Spieler verlassen.

Worauf achten Sie besonders, wenn Sie neue Spieler verpflichten?
Heidel: Qualität ist das eine, Charakter und Mentalität ist das andere. Domenico und ich legen besonders großen Wert darauf, dass die Neuzugänge zu Schalke passen. Momentan stimmt der Zusammenhalt im Team. Auf der Abschlussfahrt in Barcelona sind bis auf den verletzten Matija Nastasic alle Spieler dabei. Das habe ich im Profifußball selten erlebt.

Foto: NBM

« Vorherige Seite

Kommentare

Um Kommentare zu schreiben, bitte einloggen oder bei www.buer-total.de anmelden.