Zwischen den Extremen

Von Norbert Neubaum

Buer. Ein paar Minuten dauert es noch bis zum Aufzeichnungsbeginn der Sport1-Sendung „Audi Startalk“. Jens Keller wartet in dem zum TV-Studio umfunktionierten Autohaus in Buer geduldig auf seinen Auftritt, als ein Zuschauer von ihm wissen möchte: „Und: Nervös?“ Keller lächelt die Frage souverän weg: „Nervös? Nein, wirklich nicht.“

Sein Blick verrät dabei Kellers Gedanken: Er hat in seiner Zeit als Schalke-Trainer schon ganz andere Sachen überstanden als die Hauptrolle in einer Fernsehsendung zu spielen. Die vergangene Woche zum Beispiel: 1:6 gegen Real Madrid, 1:5 in München. Innerhalb weniger Tage verfiel Königsblau von großer Euphorie in tiefe Depression. Dazu noch die Gerüchte, Schalke sei sich für die kommende Saison bereits mit Armin Veh einig – es gibt angenehmere Momente, um im Mittelpunkt einer auf eine Person zugeschnittenen Talk-Runde zu stehen.

Doch als Keller neben Moderator Klaus Gronewald Platz nimmt, sind die finsteren Stunden vorerst vergessen. Schließlich ist bei diesem Sende-Format niemand auf Krawall gebürstet, ähnlich wie im ZDF-Sportstudio werden die Gäste artig umschmeichelt. Das bekommt dann teilweise schon komische Züge, wenn der Moderator in fast staatstragendem Tonfall bei Jens Keller nachhört, ob es nicht schade ist, dass im Fußball mittlerweile mehr die Show als der Sport zählt? Dazu muss man wissen, dass der veranstaltende Sender Sport1 selbst gern jeden noch so albernen Torjubel eines Fußballers zum Event hochstilisiert.

Aber natürlich ist Keller für solche Fragen dankbar. Schließlich hatte er seit Beginn seiner Amtszeit Ende 2012 gegen abenteuerliche und absurde Vorurteile anzukämpfen, die mit seiner eigentlichen Arbeit als Trainer relativ wenig zu tun haben. Keine Ausstrahlung habe er, dann würde er viel zu wenig lachen und sowieso: Vom B-Jugendtrainer zum Chefcoach, wie soll das denn bitte schön funktionieren? „Es wäre wahrscheinlich besser, wenn man bei der Trainerausbildung gleichzeitig auch eine Ausbildung zum Schauspieler absolvieren würde“, sagt Keller zu Gronewald und lässt sich von dem Moderator auf das Parkett führen, auf dem Keller eine schlechte Figur macht: Dass „die Medien“ ihm von Anfang an keine Chance gegeben hätten (was eine zu bequeme Verallgemeinerung ist) und es wohl keinem anderen Trainer auf Schalke so schwer gemacht worden sei wie ihm. Diese Einschätzung von Keller ist höchst subjektiv: Frank Neubarth, Mirko Slomka, Fred Rutten – auch ihr Einstieg auf Schalke war kein Kindergeburtstag. Über Slomka wurde sogar schon wegen seiner verspäteten Ankunft bei seinem Beförderungsgespräch gespottet: Der aktuelle HSV-Coach hatte wegen eines umgekippten Gülle-Lasters im Stau gestanden...

Trainer auf Schalke werden traditionell kritisch beäugt, Keller sollte sich von seiner Meinung freimachen, er sei der einzige: Sogar Huub Stevens schlug anfangs Misstrauen entgegen, bis er sich schnell mit dem UEFA-Cup-Sieg 1997 als „Jahrhundert-Trainer“ empfahl.

Keller wirkt dann stark, wenn er die Märtyrer-Rolle ablegt und den unaufgeregten und bodenständigen Trainer gibt, der einem ja ohnehin schon chronisch schnell pulsierenden Verein wie Schalke gut tun kann. Überzeugend kontert Keller die Fern-Diagnostiker, die die vier Schalker Siege zum Rückrunden-Start damit erklärten, dass sich Jens Keller „radikal verändert“ habe. „Habe ich nicht“, sagt Keller, sondern: „Jetzt werden nur andere Fotos von mir rausgeholt. Welche, auf denen ich lache...“

Vor dem Madrid-Spiel wurden davon viele veröffentlicht, dass es im Umfeld nun wieder so schnell in die andere Richtung ging, ärgert Keller: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir vorher richtig erfolgreich waren.“ Sachlich korrekt – aber Schalke bezieht seine auch von Keller anerkannte Faszination ja auch dadurch, dass es in diesem Verein kaum stimmungstechnische Grauzonen gibt. Als „Mann zwischen den Extremen“ wird Keller daher im Sport1-Einspieler bezeichnet, und ein Weggefährte von Keller hat erkannt, dass diese Gefühls-Achterbahn Spuren bei dem 43-Jährigen hinterlassen hat: „Ganz schön grau ist er geworden“, schmunzelt Ex-Mitspieler Matthias Imhof über Kellers Haarpracht.

Heute spielt Schalke gegen Hoffenheim, es ist eine neue Folge im Leben zwischen den Extremen. Die Horror-Woche vergessen lassen oder in eine neue Krise eintauchen? Den zweifellos vorhandenen Druck relativiert Keller: „Druck ist für mich dann, wenn ein Hartz-IV-Empfänger am 20. des Monats überlegen muss, wie er seine Familie ernähren kann.“ Und was Schalke betrifft, „bin ich sowieso zu 100 Prozent davon überzeugt, dass wir es wieder in die Champions League schaffen“.

Kein Grund also, nervös zu sein.

- Ausgestrahlt wird der "Audi Startalk" mit Jens Keller am Freitag, 7. März, 21.15 Uhr (Sport1).

 

Schalke: Fährmann – Hoogland, Höwedes, Matip, Kolasinac – Boateng, Neustädter – Farfan, Meyer, Draxler – Huntelaar

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