Gelsenkirchen redet miteinander

Von Matthias Heselmann

Die Neugier im Foyer des Hans-Sachs-Hauses war mit Händen zu greifen. „Gelsenkirchen – Lass‘ uns reden“: Unter diesem Titel hatte die Stadt 2000 zufällig ausgewählte Bürger zu einem neuen Dialogformat eingeladen. Knapp 200 waren gekommen – und warteten gespannt, was sie an diesem Donnerstagabend wohl erwarten würde.

Vollkommen zufällig war die Auswahl nicht: Die Organisatoren hatten Wert darauf gelegt, dass alle Stadtbezirke gleichmäßig vertreten sind, dass Menschen aller Altersklassen da sind – kurzum: Die Teilnehmer sollten ein Spiegelbild der Stadt darstellen. „Wir wollen denen eine Stimme geben, die sonst vielleicht nicht zu solchen Veranstaltungen kommen“, sagte Oberbürgermeister Frank Baranowski in seiner Begrüßung. Ansonsten hielt sich der OB an dem Abend zurück, die Bürger sollten im Mittelpunkt stehen.

„Respekt, Toleranz und kulturelle Neugier“: Unter dieses Motto hatten die Organisatoren den Abend gestellt. Zumindest ein Besucher machte deutlich, welches Motto er der Veranstaltung ausdrücklich nicht verleihen wollte: „Es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen in der Stadt“, sagte der Mann. Diese Haltung war gewünscht: Moderator Axel Jürgens, der durch den Abend führte, ermunterte die Teilnehmer, auch Kritik loszuwerden, sich zu trauen, auch Meinungen zu äußern, die gegen den vermeintlichen Strich laufen.

Da berichtete dann eine Teilnehmerin von einer Roma-Familie, die das Nachbarhaus gekauft hatte und jetzt den Müll auf die Straße werfen würde. Da erzählte ein Mann, wie er mit einem „südländisch aussehenden“ jungen Mann aneinander geraten sei, nur weil er ihn gebeten hatte, sein falsch geparktes Auto wegzufahren. Da berichtete aber auch eine alte Frau von einer Flüchtlingsfamilie in ihrem Haus, die sie schon nach wenigen Tagen auf einen Kaffee eingeladen hatte.

In sozialen Netzwerken spricht man von Filterblasen: Man unterhält sich meistens mit Menschen, die die gleiche oder eine ähnliche Meinung zu Themen haben, und sieht sich durch deren Zustimmung in seiner Überzeugung bestärkt. „An einem Abend wie heute wollen wir diese Blasen einmal verlassen“, ermunterte Axel Jürgens. Getreu dem Titel des Abends hieß das: Es musste geredet werden.

Und geredet wurde viel. In kleineren Gruppen, gegenseitigen Interviews und auf Postern erarbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Ideen und Vorschläge, wie gegenseitiger Respekt und Toleranz in einer Stadt gelingen können. Schnell wurde dabei klar: Miteinander reden, sich zuhören – das ist der Nährboden, auf dem Respekt und Toleranz erwachsen. Und: Ein respektvolles Miteinander ist keine Einbahnstraße. Jeder kann und soll seinen Teil beitragen – sei es in der Familie, in der Schule oder in der Politik.

Eine Bürgerin erntete viel Applaus mit ihrem Plädoyer für mehr Optimismus in der Stadt: „Wir beschäftigen uns immer nur damit, was alles nicht klappt in unserer Stadt. Wir sollten uns öfter damit beschäftigen, was hier gut klappt, und öfter sagen ,Es lohnt sich, in Gelsenkirchen zu leben!‘“

Die Ergebnisse des Abends werden nun in einem weiteren Schritt noch nachbereitet. In zwei Wochen findet ein Nachbereitungsworkshop statt, der die Ideen weiter konkretisiert und auf Umsetzbarkeit prüft. Dazu konnten sich auch Interessierte anmelden.

Mehr Infos: www.gelsenkirchen.de/lassunsreden

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