Kampf um den guten Ruf

Von Boris Spernol

Ist es noch Schockstarre? Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) Gelsenkirchen sollte es am Mittwochabend auch um die Aufarbeitung des Jugendamtsskandals der Stadt gehen, in den der Ortsverband verstrickt ist. Doch unter den Anwesenden herrschte vor allem Sprachlosigkeit.

Ortsverbandsvorsitzende Susanne Schwittay (Foto: rechts) zeigte sich im Anschluss zufrieden, sprach von der „sachlichen Atmosphäre“, in der die Sitzung abgelaufen war. Dass es aus den Reihen der Mitglieder keinerlei Fragen gab zu den Vorgängen um den stellvertretenden Vorsitzenden Thomas Frings, der gleichzeitig stellvertretender Jugendamtsleiter der Stadt ist, fand sie verständlich. „Wir stehen ja erst am Anfang der Aufarbeitung“, sagte Schwittay, die erst seit gut einem Jahr amtiert. „Es gibt ja auch noch nichts zu berichten.“

So hielt sie es auch nicht für nötig, die Mitglieder inhaltlich näher über die dreiseitige Stellungnahme zu informieren, die der Ortsverbandsvorstand gemeinsam mit dem DKSB-Landesverband NRW bereits am Mittwochmittag an die Presse herausgegeben hatte. Darin ging es um erste Details zu einem Leistungsvertrag zwischen dem DKSB Gelsenkirchen und der – von Thomas Frings mitgegründeten – „Neustart kft“ vom 15. Dezember 2004. Gleichwohl beteuerte sie den Willen zur lückenlosen Aufklärung. Aus diesem Grund beschloss die Versammlung auch die Berufung eines vierköpfigen Expertengremiums: Klaus Dienberg, Uli Nickel, Carlo Philippi und Dr. Ingo Westen (Foto: links) sollen – mit juristischem Hintergrund und mit ihrer Berufserfahrung aus der freien Wirtschaft, dem Bankenwesen und der sozialen Arbeit – bei der Aufklärung der Verflechtungen mitwirken. Hinzu kommt Friedhelm Güthoff, Geschäftsführer des DKSB-Landesverbandes, der die Überprüfung angestoßen hatte.

Nach Frings lässt nun auch die langjährige Schatzmeisterin des DKSB Gelsenkirchen, Anke Jedamzik, ihr Amt ruhen. Im Gegensatz zu Frings nahm sie an der Versammlung teil. Ihr Schritt sei kein Schuldeingeständnis, sondern solle die Aufarbeitung erleichtern, erklärte Jedamzik, die sich seit 28 Jahren im DKSB engagiert und beteuert, von den Vorgängen um die „Neustart kft“ nichts gewusst zu haben. Zugleich kündigte Jedamzik an – unabhängig von der Affäre –, nach Ablauf der Amtszeit nicht wieder kandidieren zu wollen. Hier deutete sich ein inhaltliches Zerwürfnis im Vorstand an.

Die DKSB-Mitglieder waren schon zu der Versammlung eingeladen worden, ehe die Berichterstattung der ARD-Sendung „Monitor“ die Jugendamtsaffäre ans Tageslicht gebracht hatte. Denn der Vorstand sollte durch die Wahl zweier Beisitzer in seiner Arbeit unterstützt werden: Neben Beisitzerin Eva Stein-Bialek gehören nun auch Claudius Hasenau und Joachim Gill dem Beirat an. Rolf Lutz und Michael Kramp sollen kommissarisch Funktionen als stellvertretender Vorsitzender bzw. als Schatzmeister wahrnehmen.

Thomas Frings war in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender offenbar bereits vor der „Monitor“-Sendung intern in die Kritik geraten – aus anderen Gründen. So soll Frings sich für eine Skifreizeit des DKSB in Italien auf Verbandskosten neu eingekleidet haben. Auch berichtete Rolf Lutz der Versammlung, dass Frings Ende 2014 den Vertrag für den Kauf eines Hauses im Bulmker Park von der Stadt Gelsenkirchen unterzeichnetet hatte – ohne allerdings, dass für die Kaufsumme von rund 240 000 Euro eine Finanzierungszusage vorgelegen habe. Für die notwendige Kernsanierung habe das nötige Eigenkapital von 80 000 Euro gefehlt. Lutz, der selbst eine Dachdeckerfirma betreibt, war daraufhin im Februar um Hilfe gebeten worden – seither ist er Mitglied. Ihm war es gelungen, mehrere Firmen dafür zu gewinnen, Sanierungsarbeiten zu stark ermäßigten Preisen und sogar kostenlos durchzuführen. „Ich war überrascht, dass das so einfach war. Aber der Ruf des Kinderschutzbundes ist so gut, dass er viele Türen öffnet und viele helfen lässt“, sagte Lutz.

Nicht zuletzt deswegen betonte Friedhelm Güthoff, der Geschäftsführer des DKSB-Landesverbandes: „Eine saubere Aufarbeitung ist extrem wichtig, sonst steht der gute Ruf des Ortsverbandes auf dem Spiel. Und das würde der hervorragenden Arbeit dort ganz und gar nicht gerecht.“

Foto: Spernol

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