Zeit für eine Emscher-Uni

Von Boris Spernol

Oberbürgermeister Frank Baranowski bringt beim traditionellen Neujahrsempfang der Stadt eine Universität für das nördliche Ruhrgebiet ins Gespräch.

Nach einem Jahr „im Zeichen eines großen Abschiedes“ hat Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski vor rund 750 geladenen Gästen im Musiktheater im Revier beim Neujahrsempfang ein „Jahr der Anfänge“ ausgerufen.

Der Moment, als im Dezember in Bottrop auf Prosper Haniel das letzte Stück Kohle nach oben gebracht wurde – „das war schon bewegend“, sagte Baranowski rückblickend. Einen Monat nach diesem endgültigen Abschied des Ruhrgebiets vom Steinkohlebergbau nun blickte er auf die erwarteten und benötigten Impulse der bevorstehenden Ruhrkonferenz der NRW-Landesregierung. Und er forderte: „Es ist an der Zeit für eine echte Lösung, die uns noch einmal Schubkraft verleihen kann – es wird Zeit für eine Universität an der Emscher.“


Baranowski erinnerte daran, dass bereits die Universitätsneugründungen im Ruhrgebiet in den 1960er- und 1970er-Jahren strukturpolitische Entscheidungen gewesen seien, die das südliche Ruhrgebiet bei der damals anstehenden Transformation weg von der Montanindustrie unterstützen sollten.


Der Strukturwandel sei von Süd nach Nord gezogen, aber: „Unis gibt es bis heute nur im südlichen Ruhrgebiet, auch deshalb gibt es bis heute ein Ruhrgebiet der zwei Geschwindigkeiten.“ Und dieses Problem müsse angepackt werden. Erst recht dann, „wenn eine Landesregierung mit der Ruhrkonferenz einen neuen, großen Aufschlag für die Region beabsichtigt“, sagte Baranowski. Aus seiner Sicht kann es nicht sein, dass über eine solche Kompensationslösung nun bereits für die Braunkohleregionen um Aachen gesprochen werde, wo es dort bereits eine starke Universität gebe – nicht jedoch für das nördliche Ruhrgebiet.

Insgesamt sieht Baranowski die Stadt auf einem guten Weg. Er skizzierte eine Erfolgsgeschichte: von der Buga auf Nordstern, dem anfangs belächelten „Blümchen“ von 1997, über den Nordsternpark mit seinen neuen Standbeinen und Arbeitsplätzen, über erfolgreiche Neustarts von Unternehmen in der Stadt bis hin zu den Früchten, die Investitionen in die Digitalisierung nun sichtbar trügen. Gelsenkirchen wurde 2018 gleich zweimal zur Modellstadt ernannt: als digitale Leitkommune NRW und als Fellow City bei der Digital Cities Challenge der EU. „Und das sind nicht nur schöne Titel, es wird auch konkret“, sagte Baranowski.

So habe die Stadt kurz vor Weihnachten einen Förderbescheid des Landes von 4,3 Millionen Euro erhalten, für die Entwicklung der Bürger-ID, ein Authentifizierungsverfahren, dass die sichere Abwicklung von Bürger-Verwaltung-Kontakten über das Smartphone sicherstellen soll. „Wir sind in Gelsenkirchen bei diesem Thema vorne mit dabei – so, wie wir das auch schon bei anderen Themen waren und sind, bei der intelligenten Stadterneuerung etwa oder der frühen Bildung. Allerdings darf man auch sagen: Noch häufiger wären wir es wohl, wenn es in Gelsenkirchen etwas gäbe, was es geben müsste: eine eigene Universität“, betonte der OB.

Er wolle sich gerne darüber austauschen, wie realistisch die Ansiedlung einer Universität sei, auch in Anbetracht dessen, „dass wir eine hervorragende Fachhochschule haben“, sagte Baranowski. Doch sei vieles „von dem, was zu Erfolgen wurde“, zunächst „nur ein unrealistischer Gedanke“ gewesen. Es gehe um „Geduld, Beharrlichkeit, Mut, von Zutrauen in Anfänge“. Auf jeden Fall wolle sich die Stadt „mit Nachdruck dafür einsetzen, dass ein außeruniversitäres Institut, ein Leibniz-, ein Max-Planck-, ein Helmholtz- oder ein Fraunhofer-Institut nach Gelsenkirchen kommt“.

Eine gute Zukunft für Stadt und Region prognostizierte Prof. Dirk Messner, Direktor des „Institute for Environment and Human Security“ der Universität der Vereinten Nationen sowie Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen im anschließenden Gespräch mit Moderator Matthias Bongard. Das Vorbild für die Zukunft seien nicht Megastädte wie New York oder Schanghai, deren Infrastrukturen vor dem Zusammenbruch stünden, vielmehr betonte er die Vorteile polyzentrischer Regionen wie das Ruhrgebiet. Er lobte das vom OB entworfene Zukunftsbild. Und auch IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel erklärte: „Die Chancen überwiegen die Risiken in Gelsenkirchen.“

Foto: Spernol

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